Misch- und Regenwasser-behandlung

FAQ: Misch- und Regenwasserbehandlung im Retentionsbodenfilter


Frage 1:
In Mischwasserkanalsystemen werden bei starken Niederschlägen Regenwasser und Schmutzwasser an der Kläranlage vorbei direkt in die Flüsse eingeleitet - oder, wie es beschönigend seitens der Wasserwirtschaft heißt, "entlastet". Dass Sie in diversen Aufsätzen auf dieser Homepage eine naturnahe Reinigung dieser abgeschlagenen Schmutzwässer in Form von Retentionsbodenfiltern (bzw. Mischwasserbiotopen, wie Sie es offenbar lieber nennen) vorschlagen, kann ich nachvollziehen. Wenn aber von der Kappung von Abflussspitzen im Fließgewässer die Rede ist, um die "Organismendrift des Makrozoobenthos" zu verringern, scheint es mir wieder in die Richtung dieser ökologischen Übertreibungen zu gehen. Was ist überhaupt Makrozoobenthos? Zur Antwort

Frage 2: 
Welchen Typ Pflanzenkläranlage oder Retentionsbodenfilter empfehlen Sie für die Reinigung belasteter Regenabflüsse von stark frequentierten Straßen oder Parkplätzen? Zur Antwort

 

Frage 3:
Bei Ihren Mischwasserbiotopen bzw. Retentionsbodenfiltern erfolgt ja die Reinigung der gelösten Inhaltsstoffe durch Mikroorganismen in den Teichen und im schilfbepflanzten Bodenfilter. Wie und in welchen Abständen wird denn der Schlamm, der unmittelbar aus den Mischwasserkanälen eingetragen wird bzw. der sekundär anfallende Schlamm durch abgestorbene Algen und Bakterienbiomasse entsorgt? Zur Antwort

 

 


Antwort zu Frage 1

In Mischwasserkanalsystemen werden bei starken Niederschlägen Regenwasser und Schmutzwasser an der Kläranlage vorbei direkt in die Flüsse eingeleitet - oder, wie es beschönigend seitens der Wasserwirtschaft heißt, "entlastet". Dass Sie in diversen Aufsätzen auf dieser Homepage eine naturnahe Reinigung dieser abgeschlagenen Schmutzwässer in Form von Retentionsbodenfiltern (bzw. Mischwasserbiotopen, wie Sie es offenbar lieber nennen) vorschlagen, kann ich nachvollziehen. Wenn aber von der Kappung von Abflussspitzen im Fließgewässer die Rede ist, um die "Organismendrift des Makrozoobenthos" zu verringern, scheint es mir wieder in die Richtung dieser ökologischen Übertreibungen zu gehen. Was ist überhaupt Makrozoobenthos?

Zunächst zur Begriffsklärung:

1) Makrozoobenthos sind die größeren (mit bloßem Auge sichtbaren), am Grunde von Gewässern lebenden festsitzenden und beweglichen Tierarten.

2) Drift bezeichnet die Gesamtheit der organischen und anorganischen Partikel, die in Flüssen und Bächen mit der Strömung flussabwärts verfrachtet werden. Organismendrift meint hier also die organischen Partikel (Zoo- und Phytobenthos).

Bei der Mineralisierung des Schlammes am Gewässerboden spielen diese Tiere (eben das Makrozoobenthos) eine sehr große Rolle und sind für viele Fischarten eine wichtige Beute bzw. Nahrungsquelle. Einige Arten seien nachfolgend dargestellt (nach Engelhardt, 1986):

A. Schlammbewohner
1. Borstenwurm (Tubifex tubifex)
2. Zuckmückenlarve (Chironomus plumosus)

B. Filtrierer
3. Köcherfliegenlarve (Neureclipsis)
4. Kriebelmückenlarve (Simulium)
5. Stechmückenlarve (Culex)
6. Wasserfloh (Daphnia)
7. Ruderfüßer (Cyclops)
8. Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha)
9. Malermuschel (Unio pictorum)
10. Erbsenmuschel (Pisidium ssp.)
11. Süßwasserschwamm (Spongilla lacustris)
12. Moostierchen (Plumatella fructicosa)

Andere umherkriechende Benthostiere sind Wasserasseln, Kleinkrebse, Schnecken und die Larven von Köcher-, Eintags-, und Steinfligen.

13. Wasserassel (Asellus aquaticus)
14. Bachflohkrebs (Gammarus roeseli)
15. Eintagsfliegenlarve (Baetis ssp.)
16. Steinfliegenlarve (Perla ssp.)
17. Köcherfliegenlarve (Polycentropus flavomaculatus)
18. Warzenegel (Glossiphonia complanata)
19. Schlammschnecke (Radix peregra)

Die dargestellten Benthalorganismen verfügen zwar teilweise über Adaptionen an schnellfließende Gewässer wie z.B. Saugnäpfe, Krallen, extrem abgeflachte Körper oder graben sich bei langsam fließenden Gewässern in den Weichboden ein (z.B. Eintagsfliegenlarven), gleichwohl werden diese natürlichen selektiv wirkenden Umweltfaktoren, zu denen auch der Geschiebetrieb ganz massiv gehört, wesentlich durch Spitzenabflüsse aus kommunalen Misch- oder Regenwassereinleitungen verschärft und erhöhen die auch natürlicherseits vorhandene Organismendrift erheblich. Daher betonen wir stets auch deutlich die Retentionsfunktion von Mischwasserbiotopen bzw. bepflanzten Bodenfiltern neben der obligatorischen Abwasserreinigungsfunktion.
 

 


 

Antwort zu Frage 2

Welchen Typ Pflanzenkläranlage oder Retentionsbodenfilter empfehlen Sie für die Reinigung belasteter Regenabflüsse von stark frequentierten Straßen oder Parkplätzen?
 

Es gibt viele Filterschachtsysteme und sonstige Behandlungsoptionen. Unter dem hochtrabenden Stichwort „Unternehmensphilosophie“ auf dieser Website haben wir uns zum KISS-Prinzip benannt. Mein Freund Benedikt Lambert von der Bioplan Landeskulturgesellschaft in Sinsheim schickt uns mit seinen Grüßen zum Jahreswechsel immer Kurzportraits seiner Forschungsergebnisse. Diese kompakten und meiner Meinung nach exzellenten Beiträge zeigen schlaglichtartig auf, wie man die vom Fragesteller angesprochene Problemstellung effizient und „as simple as possible“ (KISS) lösen kann. Diese Flyer aus den Jahren 2008 – 2017 sind nachfolgend ohne Zusätze oder Abstriche wiedergegeben:


 

ANTWORT ZU FRAGE 3

Bei Ihren Mischwasserbiotopen bzw. Retentionsbodenfiltern erfolgt ja die Reinigung der gelösten Inhaltsstoffe durch Mikroorganismen in den Teichen und im schilfbepflanzten Bodenfilter. Wie und in welchen Abständen wird denn der Schlamm, der unmittelbar aus den Mischwasserkanälen eingetragen wird bzw. der sekundär anfallende Schlamm durch abgestorbene Algen und Bakterienbiomasse entsorgt?

Das wird deutlich aus beiliegender Pressenotiz, in der beschrieben wird, wie das von uns 1998 geplante Mischwasserbehandlungsbiotop / Retentionsbodenfiltersystem (1,7 ha) in der Ortschaft Gadenstedt (Projektdatenblatt) der Gemeinde Ilsede nach nunmehr 22 Jahren erstmalig entschlammt wird.

 

Wasserverband Peine investiert 120 000 Euro, um Aufnahmefähigkeit des Teichs in Gadenstedt zu erhalten

Gadenstedt. Blaue Container und eine Siebbandpresse können Spaziergänger derzeit am Teich in der Gadenstedter Feldmark sehen. Der Wasserverband Peine entschlammt dort das Mischwasserbiotop. „Rund 1500 Kubikmeter des abgesetzten Schlamms, der sich in den letzten 20 Jahren hier angesammelt hat, entfernen wir nun kontrolliert. Damit sichern wir die Rückhaltefähigkeit des Teichs wieder langfristig“, beschreibt Knut Hanko, Teamleiter Betrieb Abwasser des Wasserverbands Peine, die Arbeiten, in die der Verband rund 120 000 Euro investiert.

Die Arbeiten sollen etwa Ende November abgeschlossen sein. „Die erfahrene Fachfirma Marschler Entwässerungstechnik aus Bad Fallingbostel saugt den Schlamm kontrolliert aus dem Teich ab, entwässert ihn und entsorgt ihn fachgerecht“, schildert Hanko. Dazu werden Saugschläuche an entsprechenden Stellen im Teich eingesetzt.

Der angesaugte Nassschlamm wird zunächst über einen Vorlagebehälter geführt, in dem störende Feststoffe, etwa sogenannte Verzopfungen von Feuchttüchern oder Lappen, entfernt werden. Dann geht es weiter zur Siebbandpresse. Hier wird über mehrere Rollen das Wasser aus dem Schlamm gedrückt. „Dabei wurde ein Trockensubstanzgehalt von bis zu 40 Prozent erreicht. Sprich – der entwässerte Schlamm enthält immer noch rund 60 Prozent Wasser, lässt sich aber gut transportieren und entsorgen. Dieser Schlamm wird als Füllmaterial im Bergbau eingesetzt werden“, so Ingenieur Hanko weiter.

Das entfernte Wasser wird dem Teich wieder zugeführt. Der entwässerte Schlamm wird in Container gefüllt und dann abtransportiert, wobei die Zuwegung zur neuen Zentralkläranlage genutzt wird. Der Verkehr – es sind drei bis vier Touren pro Woche möglich – werde bewusst nicht durch das Dorf geführt.

Der Schlamm stehe zum Teil im Teich bis zu über einem Meter hoch, so Hanko von den ersten Tagen der Arbeiten. Dieses Schlammvolumen, das sich in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut habe, reduziere die Aufnahmefähigkeit des Biotops. Die Entschlammung sei mit der Unteren Wasserbehörde des Landkreises Peine abgestimmt. Denn das Mischwasserbiotop sei Teil des Entwässerungskonzepts im Bereich Ilsede Süd und Gadenstedt. „Bei starken Regenfällen, die das Mischwasserkanalsystem überlasten könnten, kann am Pumpwerk an der alten Kläranlage ein Mischwasserabschlag erfolgen, der dann genau zu diesem Biotop geführt wird. Das stark verdünnte Abwasser, das in solch einem Fall hier ankommt, durchläuft die natürlichen biologischen Reinigungsprozesse bei seinem Weg durch den Teich und wird dann kontrolliert nach dieser natürlichen Reinigung an die Fuhse abgegeben“, so der Ingenieur.

Er erinnert außerdem daran, keine Feststoffe wie Feuchttücher, Binden, Lappen oder ähnliches über die Toilette zu entsorgen. „Der Lokus ist kein Mülleimer. Diese Dinge gehören in den Restmüll. Denn sie können zu Verstopfungen führen – auch in Hausleitungen. Damit führen Sie zu Mehraufwand und Kosten“, appelliert Hanko.



Quellenangabe: PAZ vom 07.11.2020, Seite 16

 

 

 


 

 

 

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